23. Februar 2018

Eigentlich war Thomas Geisel der klare Außenseiter. Oberbürgermeister von Düsseldorf werden? Die Wahlprognosen sahen ihn im Frühjahr 2014 deutlich hinter dem damaligen Amtsinhaber Dirk Elbers. Doch zwischen Prognose und Ergebnis lagen einige entscheidende Prozentpunkte Unterschied und Geisel wurde nach gewonnener Stichwahl am 2. September 2014 zum Oberbürgermeister der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt gewählt. Als solcher ist der sportbegeisterte 54-jährige Familienvater nicht nur Gastgeber des finalen Spieltags der Blindenfußball-Bundesliga am 25. August, er ist auch Mitglied bei den „Freunden der Nationalmannschaft e.V. (FdN)“, dem Förderverein der DFB-Stiftung Sepp Herberger.

Ein Montagmorgen im Februar: Thomas Geisel greift zum Telefon, nimmt sich eine halbe Stunde Zeit für ein Interview mit der Sepp-Herberger-Stiftung. Eine Woche zuvor wäre das noch undenkbar gewesen – es war schließlich Rosenmontag in der Karnevalshochburg. „Ein stressiger, aber auch sehr vergnüglicher Tag in diesem Jahr“, sagt der Oberbürgermeister. „Es hat richtig Spaß gemacht. Das Wetter war klasse, die Bude war voll. Ich muss aber zugeben, dass ich mich am frühen Abend dann meist zurückziehe und den Tag im Kreise der Familie ausklingen lasse.“

Thomas Geisel besucht die 2. Bundesliga Mannschaft Fortuna Düsseldorf beim Training .v.l. Friedhelm Funkel, OB Thomas Geisel und Robert Schäfer

In jungen Jahren ein Schalke-Fan

Dass Thomas Geisel mal Oberbürgermeister von Düsseldorf werden würde war in jungen Jahren so nicht vorgesehen in der Vita eines Jungen, der seine Kindheit in Ellwangen im Ostalbkreis verbrachte. „Natürlich hat damals der Fußball schon früh eine Rolle gespielt. Ich komme aus einer Generation, in der es noch kein Internet und keine Smartphones gab. Mittags wurde sich getroffen und um die Ecke auf dem Hof der Schreinerei Fußball gespielt.“ Doch Geisel war nicht nur begeisterter Fußballer, er war auch Fan – vom FC Schalke 04. „Davon habe ich mich aber irgendwann losgesagt“, lacht der 54-Jährige. „Mein Vater war aus unerfindlichen Gründen immer schon Schalke-Fan, obwohl er erst mit 70 Jahren zum ersten Mal ein Spiel auf Schalke gesehen hat. Als ich ein Kind war sind wir immer ins Neckarstadion nach Stuttgart gefahren, um die Schalker dort spielen zu sehen. Meine erste Fußballfahne war tatsächlich blau-weiß.“

Beruflich ging es für Thomas Geisel nach dem Abitur zum Studium der Rechts- und Politikwissenschaften nach Freiburg und mit einem Stipendium auch nach Genf. „Das Jura-Studium war eigentlich eine Verlegenheitslösung. Ich wusste noch nicht so richtig, was ich machen sollte. Aber mit einem Jura-Studium steht dir ein breites Spektrum an Berufen und Branchen offen.“ Dem ersten Stipendium für Genf, wo man ihn auf Herz und Nieren geprüft hatte, folgten weitere für Übersee. Geisel studierte unter anderem an der Georgetown University in Washington D.C. und an der weltbekannten Harvard University. „Da wird auch nur mit Wasser gekocht“, sagt Geisel. „Aber natürlich kann man dort auch sehr interessante Menschen treffen. Ich habe bei einer Diskussion zum Beispiel Bill Clinton kennenlernen dürfen. Ich habe noch heute viele Bekannte aus dieser Zeit und war erst kürzlich wieder in Washington. Es war eine tolle Zeit.“

Dem Studium folgte ein erster Ausflug in die Politik: 1983 war Geisel in die SPD eingetreten, später wurde er unter anderem Referent der SPD-Fraktion in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR, danach Referent des SPD-Bundesgeschäftsführers Karlheinz Blessing. Im Jahr 1998 folgte der Wechsel in die Energiewirtschaft: Enron in London, Ruhrgas in Essen, später E.ON – bis ins Jahr 2013 hinein waren das Geisels berufliche Stationen. „Und dann bin ich 50 geworden“, erinnert sich der Familienvater. „Ich bin ins Grübeln gekommen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mit 50 noch einmal einen beruflichen Restart zu machen. Und ich hatte den großen Wunsch, zurückzukehren in den öffentlichen Bereich zu kehren.“

Als Außenseiter zum Oberbürgermeister

Doch wer so lange in der Wirtschaft aktiv war, der hat es in der Regel schwer, den Weg noch einmal zurückzugehen. Geisel aber bot sich plötzlich eine Chance, wenn auch als klarer Außenseiter: Der Düsseldorfer Unterbezirk der SPD nominierte ihn für die Wahl zum Oberbürgermeister. „Ich habe es einfach probiert und die Chance beherzt in Angriff genommen.“ Während des Wahlkampfes arbeitet Thomas Geisel als Rechtsanwalt, schafft im ersten Wahlgang dann die Überraschung und gewann zunächst 37,9 Prozent der Stimmen. Amtsinhaber Elbers holte 46,1 Prozent, eine Stichwahl war von Nöten. Und die gewann Thomas Geisel am 15. Juni 2014 mit 59,2 Prozent. „Ich kann mich noch sehr genau an diesen Tag erinnern. Das Wetter war sehr schön und wir haben im Innenhof des Rathauses gefeiert. Die größere Überraschung war für viele allerdings wohl, dass ich es überhaupt in die Stichwahl geschafft hatte.“

Seit September 2014 leitet Thomas Geisel die Amtsgeschäfte. „Es ist der schönste, aber auch der anstrengendste Job, den ich in meinem Leben je gemacht habe. Eine Stadt wie Düsseldorf zu managen, und ich sage ganz bewusst managen, ist eine tolle Herausforderung. Diese Stadt ist unglaublich attraktiv und hat wahnsinnig viel Potenzial. Und die Bürgerschaft der Landeshauptstadt ist der liebste Shareholder, den ich mir vorstellen kann.“ Und was passiert im Oktober 2020, wenn die Amtszeit endet? „Wenn ich gesund bleibe und die Wählerinnen und Wähler es möchten, dann trete ich gerne ein zweites Mal an. Wir werden bis dahin sicherlich viel erreicht haben, aber es gibt auch noch viel zu tun und manche Dinge brauchen eben Zeit.“

Als Oberbürgermeister von Düsseldorf ist Thomas Geisel auch Mitglied bei den Freunden der Nationalmannschaft. „Ich bin ein großer Fan unserer Nationalmannschaft und muss sagen, dass die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland für mich eines der schönsten Fußballerlebnisse war. Auch, weil wir Deutschen endlich mal unverkrampft mit nationalen Symbolen wie unserer Flagge umgegangen sind – so wie alle anderen Völker dies auch tun.“

„Düsseldorf freut sich auf die Blindenfußball-Bundesliga“

Für Geisel nimmt der Fußball damals wie heute eine wichtige Rolle in der Gesellschaft ein: „Fußball wird von allen gesellschaftlichen Schichten gelebt und geliebt. Da fragt keiner, woher du kommst oder was du hast. Und ich finde es sehr wichtig, dass sich das soziale Engagement zum Beispiel der DFB-Stiftung Sepp Herberger auch in dieser Begeisterung niederschlägt.“

Ein Projekt der Sepp-Herberger-Stiftung, die Blindenfußball-Bundesliga, wird der Oberbürgermeister am 25. August diesen Jahres hautnah miterleben, wenn der finale Spieltag als Stadtspieltag in Düsseldorf ausgetragen wird. „Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir das noch gar nicht vorstellen kann, wie es Menschen gelingt, Fußball zu spielen ohne etwas zu sehen“, sagt Thomas Geisel. „Ich freue mich schon sehr auf diesen Spieltag und das Miterleben dieser sicherlich faszinierenden Sportart. Düsseldorf ist eine Sportstadt, in der auch das Thema Inklusion großgeschrieben wird. Die Stadt freut sich auf den Besuch der Blindenfußball-Bundesliga.“